Transkripte


Mehrsprachigkeit Nr. 5 -Transkript
Mehrsprachigkeit und Schule

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen & Leben zum Thema Mehrsprachigkeit und Schule. Miriam Pieber ist wieder bei mir zu Gast. Hallo!
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Du bist ausgebildete Lehrerin und kann deswegen mir und [den] Zuhörer/innen heute helfen - zu diesem Thema. Es ist ja so, dass Lehrer/innen in der Grundschule manchmal bemerken, dass bestimmte mehrsprachige Kinder beim Wortschatz und/oder in der Grammatik Schwierigkeiten in Deutsch haben, sodass sie dann auch den Eltern empfehlen, die Erstsprache zu Hause entweder stark zu reduzieren oder gar aufzugeben. So etwas verunsichert natürlich die Eltern. Sie fühlen sich vielleicht auch nicht so sicher beim Weitergeben der Sprache - der deutschen Sprache - sollen sich jetzt diese Eltern diese Empfehlung zu Herzen nehmen oder nicht?
Miriam Pieber: Also in diesem Zusammenhang empfehle ich die Broschüre „Spracherwerb in der Migration“ von Univ. Prof. Rudolf De Cillia. Diese Broschüre wurde vom Bundesministerium für Bildung und Frauen herausgegeben und darin wird beschrieben, dass es ganz wichtig ist die Erstsprache zu Hause zu fördern. Da laut Cummins ein Zusammenhang zwischen dem Erst- und Zweitspracherwerb angenommen wird. Eine mangelhafte Sozialisation kann schließlich dazu führen, dass in der Zweitsprache nachhaltig Schwierigkeiten entstehen. Oft bemerkt man diese dann erst beim Erwerb der sogenannten kognitiv-akademischen sprachlichen Fertigkeiten Ende der Grundschule bzw. Anfang der Sekundarstufe, wo immer mehr mit abstrakten Begriffen umgegangen wird. Die Broschüre ist allgemein leicht geschrieben. Aus diesem Grund empfehle ich sie sowohl den Eltern als auch Lehrpersonen. Ein konkretes Beispiel aus der Broschüre ist folgende Aussage: Der muttersprachliche Unterricht behindere, störe das Erlernen der Zweitsprache Deutsch. De Cillia spricht dabei von einem Trugschluss. Ich zitiere: „Gerade bei mangelnder Berücksichtigung der Muttersprache kann sich die Spracherwerbsfähigkeit nicht voll entfalten, was sich dann später in allen Dimensionen schulische Leistungen negativ auswirken kann.“ Was kann man nun mit Kindern und Jugendlichen machen? Zum einen ist eine frühe Förderung in der Zweitsprache sinnvoll, auf der anderen Seite auch eine Literalisierung in der Erstsprache und eine langfristige Förderung bzw. ein langfristig angelegter Erstspracheunterricht sei es im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts in der Schule oder in einem Kurs einer anderen Institution. Besonders das Hörverstehen sollte im Vordergrund stehen, da dieses auch Auswirkungen auf das spätere Textverständnis hat.
Laure Mortelier: Also wie können Lehrpersonen, die mit Mehrsprachigkeit in der Schule konfrontiert sind, ganz konkret umgehen?
Miriam Pieber: Also man kann zum Beispiel ganz einfach die Erstsprache in der Schule berücksichtigen, die die Kinder mitnehmen. Dann ist auch das richtige Aussprechen der Namen wertschätzend und wenn man ein paar Sätze in den jeweiligen Erstsprachen der Kinder beherrscht, fühlen sich die Schüler und Schülerinnen auch mehr angesprochen. Indem man das macht und durch andere Methoden bzw. Übungen kann man die Präsens der gesprochenen Sprachen garantieren. Ein weiterer Aspekt ist auch das Zulassen verschiedener Sprachen in der Pause oder auch bei Partner- und Gruppenarbeiten, denn letztendlich ist ja das Ergebnis wichtig und nicht welche Sprache verwendet wurde im Laufe des Entstehungsprozesses. Ein weiterer Punkt, den man im Rahmen der Medienerziehung durchführen kann, ist das Erstellen muttersprachlicher Produkte mit auch einer deutschen Übersetzung. Da werden verschiedene Fertigkeiten von den Kindern und Jugendlichen abverlangt und das kann auch sehr motivierend sein. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Jugendlichen. Ich verweise auch in diesem Zusammenhang auf das Curriculum Mehrsprachigkeit von Hans-Jürgen Krumm. Dabei handelt es sich um einen Rahmenlehrplan der Lehrpersonen unterstützt und auch Möglichkeiten anbietet, die Mehrsprachigkeit der Schüler und Schülerinnen einzubeziehen.
Laure Mortelier: Andererseits, glaube ich, dass die Lehrer und Lehrerinnen sich Sorgen machen, um die deutsche Sprache, nicht um die Erstsprache der Kinder. Sie haben Angst die deutsche Sprache kommt zu kurz, wird nicht genug gefördert und was können sie machen DAF/DAZ Förderungsstunden zusätzlich anfordern. Ich glaube, das ist das Problem beim Lehrkörper.
Miriam Pieber: Ja, das ist durchaus ein Thema. Da gibt es auch viele DAZ- Förderungen aber es sollte berücksichtigt werden, dass grundsächlich jeder Fachunterricht auch gleichzeitig ein Sprachunterricht ist. Das heißt, als Lehrpersonen haben wir auch die Verantwortung, die deutsche Sprache in jedem Unterrichtsfach zu vermitteln und zu stärken. Und dies kann auch durch die Berücksichtigung von Deutsch als Zweitsprache vonstatten gehen,.
Laure Mortelier: Ist es nicht langweilig für Kinder, die die deutsche Sprache beherrschen DAF/DAZ mehr oder weniger ständig zu machen? Sie brauchen das eigentlich nicht?!
Miriam Pieber: Es wird ja nicht ständig gemacht. So wie du das gerade sagst, sondern es wird in den Unterricht integriert. Das heißt, wenn es gerade passend ist, wird darauf verwiesen welche sprachlichen Strukturen wichtig sind dafür, welche Fachwortschatz man verwendet - Stichwort Scaffolding - das heißt man unterstützt durch ausformulierte Sätze oder Strukturen die Schüler und Schülerinnen und die Schule hat ja zum Ziel die Bildungssprache zu fördern. Und das ist nicht nur interessant für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache oder für Schüler und Schülerinnen, die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten haben, sondern auch ganz zentral für alle Kinder, die den Unterricht besuchen.
Laure Mortelier: Das heißt, du meinst die Wiederholung ist eigentlich für alle Schüler und Schülerinnen gut. Alle profitieren davon.
Miriam Pieber: Es handelt sich ja nicht um eine Wiederholung sondern grundsächlich um ein Erlernen eines gewissen Sprachstandards.
Laure Mortelier: Ok, das heißt, eigentlich ein Gewinn. Könnte man so sagen, wenn man das berücksichtigt und es ist erfreulich, das so zu sehen. Ich hoffe viele werden das jetzt berücksichtigen und ich danke dir für deine Erklärungen, für deine Tipps und freue mich auf unser nächstes Treffen.
Miriam Pieber: Tschüss!
Laure Mortelier: Tschüss!


Quellen:

http://www.plattform-migration.at/fileadmin/data/Publikationen/De_Cillia_2013_Spracherwerb_in_der_Migration.pdf

http://oesz.at/download/cm/CurriculumMehrsprachigkeit2011.pdf

Cummins, J. (1979). Linguistic Interdependence and the educational development of bilingual children. In Review of Educational Research 49 (2). S. 222–251.

Mehrsprachigkeit Nr. 4 -Transkript
Dominanz der Sprache

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen und Leben zum Thema Mehrsprachigkeit. Miriam du bist eine Expertin auf diesem Gebiet. Ich heiße dich willkommen.
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Meine Frage an dich heute: Ist es so, dass die Umgebungssprache, zum Beispiel in Österreich, innerhalb einer Familie in den meisten Fällen dominiert?
Miriam Pieber: Ja, also, je nach Familienkonstellation und Dominanz der Umgebungssprache kann es durchaus passieren, insbesondere, wenn nur ein Elternteil die Familiensprache vermitteln kann.
Laure Mortelier: Wie kann man die schwächer ausgeprägte Sprache im Alltag fördern? Helfen da Rituale?
Miriam Pieber: Ja, auf jeden Fall, das ist sehr zu begrüßen. Man kann zum Beispiel abends vor dem Schlafengehen gemeinsam eine Geschichte lesen oder auch eine Geschichte vorlesen lassen, Lieder singen oder den Tag Revue passieren. Je nach Alter des Kindes können auch die Texte variieren. Zum Beispiel bei einem Kind ein Kinderbuch oder ein Sachbuch, mit Jugendlichen vielleicht auch schon erwachsene Literatur oder Jugendliteratur. Wichtig ist auf jeden Fall die Kommunikation während des Leseprozesses, indem man mit dem Kind spricht und dieses antworten lässt. Zum Beispiel man könnte das Kind fragen: „
Was denkst du, wie könnte die Geschichte weitergehen?“ oder in einem Bilderbuch: „Wo ist denn der Fuchs? Was könnte er als Nächstes machen?“ Also, keine direkten Antworten geben, sondern die Kreativität und das Vorstellungsvermögen der Kinder anregen. Oft stellen Kinder Fragen, wenn ein Elternteil etwas vorliest. Für Eltern kann das manchmal anstrengend sein, weil der Lesefluss unterbrochen wird, tatsächlich ist dieses „Miteinander-Sprechen“ essentiell, weil die Kinder dadurch angeregt werden, sich noch mehr mit dem Text auseinander zu setzen und gleichzeitig den Wortschatz festigen. Noch einmal, das ist das Beste, was passieren kann, wenn die Kinder neugierig sind und ein Dialog zustande kommt. So kann das Lesen verbinden.
Laure Mortelier: Was denkst du über Wimmelbilder? Sie würden sich ganz gut eignen, oder? Es sind eine Vielzahl an Situationen abgebildet, drinnen!
Miriam Pieber: Ja, genau. Es gibt dann auch andere authentische Situationen, die man nutzen kann, zum Beispiel das Einkaufen oder Kontakt zu Verwandten, gemeinsames Nachrichtenschauen – mit Jugendlichen in diesem Fall. Das Sprechen über Aktualität. Man kann auch Kinder für Kinder- und Jugendzeitschriften abonnieren, eine weitere Möglichkeit wäre das Abonnement für eine Zeitung.
Laure Mortelier: Ja, und heute haben wir Internet! Mit dem Internet hat man wirklich einen leichteren Zugang zu vielen Materialien und ich denke auch an Kommunikationsmöglichkeiten wie Skype, Whatsapp und alle anderen sozialen Medien, die zur Verfügung stehen. Es ist alles viel leichter geworden eigentlich!
Miriam Pieber: Das stimmt, man kann ja auch jetzt das Handy in einer anderen Sprache verwenden und zum Beispiel – ich denke dabei an Computerspiele – die könnte man auch in die Zielsprache verwenden bzw. mit anderen Spielern und Spielerinnen in der Zielsprache kommunizieren.
Laure Mortelier: Und die Kinder sind dann auch sehr motiviert!
Miriam Pieber: Genau, ja und heutzutage kann man auch Zeitungen im Internet lesen und […] preiswert abonnieren.
Laure Mortelier: Vielen Dank, Miriam, für diese Tipps und ich sage bis zum nächsten Mal.
Miriam Pieber: Tschüss.
Laure Mortelier: Tschüss.

Mehrsprachigkeit Nr. 3 -Transkript
Vor- und Nachteile von Mehrsprachigkeit

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast vom Motiviert Lernen und Leben zum Thema Mehrsprachigkeit. Heute ist wieder Miriam Pieber zu Gast. Hallo!
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Und meine Frage, Miriam, lautet: Gibt es Vor- und Nachteile, wenn man mehrsprachig aufwächst?
Miriam Pieber: Also, grundsätzlich geht man von Vorteilen aus. Das kann natürlich je nach politischer und sprachlicher Situation anders aufgefasst werden. Es gibt Länder, die sich eher als monolingual verstehen und andere, die sich als mehrsprachig ansehen und dementsprechend die eine oder andere Richtung besonders fördern. An sich hat man positive Auswirkungen eines ausbalancierten Bilinguismus bemerkt: in Bezug auf die analytischen Fähigkeiten, die besser ausgebaut sind, auch der kreative Bereich ist meistens besser ausgeprägt als bei monolingualen Kindern und auch die soziale Intelligenz wird gesteigert. Man geht davon aus, dass mehrsprachige Kinder differenzierter auf Zuhörende eingehen können, auch schneller Empathie entwickeln, aber darauf kommen wir noch, und es stärkt auch das Selbstbewusstsein der Schüler und Schülerinnen. Und natürlich bringt Mehrsprachigkeit auch Vorteile bei den sozialen Interaktionen: Man kann mit der Familie kommunizieren oder mit Freunden oder auch in der Schule und am Arbeitsmarkt ist das auch (…) ein Vorteil. Laut Rudolf De Cillia bringen Sprachkenntnisse in den jeweiligen Erstsprachen Vorteile in Sozial- und Dienstleistungsberufen, zum Beispiel bei der Polizei oder auch im Krankenhaus oder in Pflegeberufen, aber auch in den Bereichen der Schule oder im Kindergarten oder auch im Handel. Und da gibt es durchaus eine große Nachfrage nach zweisprachigen Menschen, für die die Kenntnisse ihrer Muttersprache – sage ich jetzt mal – derart zu einer zusätzlichen Qualifikation werden, dass sie sich tatsächlich am Arbeitsmarkt von einsprachigen Personen unterscheiden. Und dadurch auch einen Vorteil haben. Man weiß, dass das Erlernen der Muttersprache der Erwerb der Umgebungssprache unterstützt. Sprich, wenn man die Erstsprache gut kann, kann man leichter die Zweitsprache erwerben. Man hat auch bemerkt, dass die Qualität und die Quantität der Spracherwerbsstrategien bei bilingualen Kindern weit mehr ausgeprägt sind als bei monolingualen. Und wir haben auch schon gesagt, dass mit der Empathie, und darauf möchte ich noch einmal zurückkommen, weil in einem Buch über das mehrsprachige Gehirn, hat der Forscher Albert Costa einige Forschungsergebnisse präsentiert. Und da hat sich gezeigt, dass mehrsprachige Kinder viel früher sich in andere Sprechpartner und -partnerinnen hineinversetzen können als einsprachige. Die Kinder, die einsprachig aufwachsen, lernen das auch im Laufe ihrer Kindheit noch dazu, aber in einer späteren Entwicklungsphase. Derzeit geht man auch davon aus, dass mehrsprachige Kinder in ihren jeweiligen Sprachen einen leicht geringeren Wortschatz aufweisen als einsprachige Kinder. Aber es ist zu berücksichtigen, dass mehrsprachige Kinder insgesamt mehr Wörter gelernt haben, wenn man die beiden Sprachen zusammen betrachtet. In diesem Zusammenhang sei auch angemerkt, dass es innerhalb der Gruppe der mehrsprachigen Kinder und innerhalb der Gruppe der einsprachigen Kinder zu erheblichen Unterschieden bezüglich der Wortschatzmenge kommen kann.
Laure Mortelier: Ich verstehe. Bedeutet das also für die Eltern jetzt, dass sie ein besonderes Augenmerk auf Wortschatztraining legen sollten? Wie kann man dabei ganz konkret vorgehen?
Miriam Pieber: Grundsätzlich ist zu empfehlen, authentische Kommunikationssituationen auszuschöpfen. Damit meine ich, dass man nicht gezwungenermaßen Dialoge inszeniert, die nichts mit dem Alltag zu tun haben.
Laure Mortelier: Was kann man sich unter einer erzwungenen Kommunikationssituation vorstellen? Was ist das?
Miriam Pieber: Also erzwungen wäre zum Beispiel, plötzlich, ohne Grund, über ein Thema zu sprechen, um pädagogische Zwecke zu erfüllen. Das Kind liest zum Beispiel als Hausübung einen Sachtext auf Deutsch und möchte auch mit dem Ansprechpartner auch auf Deutsch sprechen, weil das notwendige Vokabular dafür aktiviert wurde und der Erwachsene versucht dann alles in die andere Sprache zu übersetzen. Um sozusagen zwei Fliegen mit einem Schlag zu erledigen. Was ich unter einer authentischen Kommunikation verstehe, ist zum Beispiel, dass man sich gemeinsam einen Film anschaut oder gemeinsam ein Buch gelesen hat und dieses dann in der Erstsprache kommentiert und bespricht.
Laure Mortelier: Also, wenn ich dich richtig verstehe, bedeutet das, dass die Situation natürlich zustande kommen sollte, im Redefluss, sodass es angenehm ist, in der jeweiligen Sprache zu reden.
Miriam Pieber: Genau, aber das bedeutet nicht, dass man nur eine Sprache sprechen muss. Manchmal kann es auch zu Code-Switching kommen, also, wenn man von einer Sprache zur anderen wechselt.
Laure Mortelier: Bedeutet das, dass die Kinder die beiden Sprachen nicht gut genug beherrschen, wenn sie das machen? Wenn sie die Sprachen mischen? Haben die Eltern dann Fehler gemacht? Oder ist das einfach ein normales Phänomen?
Miriam Pieber: Also, es ist so, dass Sprachen eine kommunikative Funktion erfüllen. Das habe ich schon mehrfach betont und wir wollen ja erfolgreich mit anderen Menschen sprechen. Wenn das Gegenüber auch mehrsprachig ist und beide die Sprachen verstehen, kann es durchaus zweckmäßig sein, die Sprachen zu wechseln. Es ist kein Zeichen dafür, dass das Kind die Sprachen nicht beherrscht. Manchmal kann man auch Wörter oder Ausdrücke nicht angemessen in einer anderen Sprache übersetzten oder dieses Code-Switching dient als verbindendes Element zwischen zwei Sprechern oder Sprecherinnen oder manchmal geht es einfach schneller ein Wort in einer anderen Sprache zu sagen, weil man es gerade aktiv im Kopf hat. Das heißt, man sieht, Code-Switching erfüllt auch Funktionen und verläuft immer regelmäßig. Also es wird nicht einfach die Sprache abgewandelt oder irgendwie falsch eingesetzt, sondern es wird tatsächlich nach bestimmten Regeln vorgegangen. Ein Zeichen mangelnden Wortschatzes wäre zum Beispiel, wenn das Kind die Sprache weiterhin wechselt, auch wenn der Kommunikationspartner nur eine Sprache versteht. Zum Beispiel, wenn ein Kind mit seiner Oma spricht, die Oma spricht nur Ungarisch, und das Enkelkind kann gewisse Wörter nicht auf Ungarisch sagen, sagt sie auf Deutsch. Das passiert nicht absichtlich und das […] deutet darauf hin, dass eventuell der Wortschatz noch nicht ausreichend erworben wurde und da kann man dann auch ansetzen – als Elternteil.
Laure Mortelier: Vielen Dank, Miriam, für alle diese Informationen. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und freue mich auf das nächste Treffen. Ich sage Tschüss.
Miriam Pieber: Tschüss.

Zitierte Quellen:

  • Costa, Albert (2017): El cerebro bilingüe / The Bilingual Brain: La neurociencia del lenguaje (Ciencia y Tecnología). Barcelona: Debate.

Eine englische Übersetzung erscheint Jänner 2020:
  • Costa, Albert (2020): The Bilingual Brain: And What It Tells Us about the Science of Language. Allen Lane Verlag.

  • De Cillia, Rudolf (2003): Spracherwerb in der Migration. 6. unveränderte Auflage. Wien: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
    http://www.schop79.at/images/pdf/spracherwerb_dr_de_cillia.pdf

Mehrsprachigkeit Nr. 2 -Transkript
Formen der Mehrsprachigkeit
Laure Mortelier: Willkommen bei der neuen Folge zum Thema Mehrsprachigkeit von Motiviert Lernen und Leben. Meine Frage heute an dich, Miriam, lautet: Welche Formen von mehrsprachigen Familien gibt es?
Miriam Pieber: Also, ihr könnt euch sicher an die letzte Folge erinnern, bei der wir über Mehrsprachigkeit gesprochen haben und auch darüber, dass mehrsprachige Personen im Normalfall nicht über ausbalancierte Kompetenzen in all ihren Sprachen verfügen.
Laure Mortelier: Ja, genau.
Miriam Pieber: Heute geht es nun darum, welche Faktoren einen Einfluss auf den Sprach- bzw. den Sprach(en)erwerb haben. Und Riehl listet dabei drei Faktoren auf: Der erste Faktor sind die Erstsprachen der Elternteile. Dabei kann es passieren, dass jeweils ein Elternteil eine andere Sprache spricht. Der zweite Punkt ist die Sprachwahl mit dem Kind und das betrifft zwei Aspekte: Der erste Aspekt hat damit zu tun, dass der jeweilige Elternteil möglicherweise eine unterschiedliche Sprache mit dem Kind spricht. Der zweite Aspekt ist, dass vielleicht ein Elternteil zwei unterschiedliche Sprachen mit zwei verschiedenen Kindern spricht - innerhalb der selben Familie. Und der dritte Aspekt, den Riehl noch erwähnt, ist die Sprache der Umgebung. So ist es natürlich ein Unterschied, wenn ein Kind in einer mehrsprachigen Umgebung aufwächst oder in einer monolingualen Umgebung, in der vielleicht Mehrsprachigkeit nicht so positiv konnotiert ist oder weniger mit Prestige verbunden ist. Und aus diesen drei Faktoren ergeben sich nun unterschiedliche Settings, in denen mehrsprachige Situationen entstehen. Auch ganz interessant in Bezug auf Mehrsprachigkeit sind drei Gegensatzpaare, die mit dem Spracherwerb zu tun haben. Das erste Paar hat mit dem natürlichen oder gesteuerten Erwerb zu tun. Natürlich heißt, dass ein Kind eine Sprache oder auch mehrere Sprachen ohne den Besuch eines Unterrichts erwirbt. Gesteuert bedeutet hingegen, dass eine Sprache durch den Besuch eines Unterrichts gelernt wird. Das kann sowohl im Erstsprachenunterricht als auch im Zweitsprachen- oder im Fremdsprachenunterricht geschehen. Das zweite Gegensatzpaar ist symmetrisch und asymmetrisch. Unter asymmetrisch versteht man, dass eine der gesprochenen Sprachen über die anderen dominiert und symmetrisch bedeutet, dass eine Person zwei oder mehrere Sprachen auf ca. dem gleichen Niveau spricht oder auch schreibt. Das dritte Gegensatzpaar von Müller bezieht sich auf den Beginn des Spracherwerbs und so unterscheidet man zwischen dem simultanen Spracherwerb und dem sukzessiven Spracherwerb. Der simultane Spracherwerb hat damit zu tun, dass eine Person von Geburt an zwei Sprachen gleichzeitig erwirbt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch oft vom bilingualen Erstspracherwerb. Der andere Begriff, der sukzessive Spracherwerb, hat damit zu tun, dass eine Person mit einer Sprache aufgewachsen ist und erst im Laufe ihres Lebens eine zweite Sprache dazu lernt. Da kann man dann noch weiter differenzieren: Es gibt dann noch den frühen Zweitspracherwerb, wenn noch im Kindesalter eine weitere Sprache dazu gelernt wird und auf der anderen Seite dann den späten Zweitspracherwerb. Vom Zweitspracherwerb spricht man dann, wenn eine Person aus einem anderen Land kommt und im Aufnahmeland dann die Umgebungssprache lernt. Mir ist es noch besonders wichtig zu betonen, dass mehrsprachige Personen ihren persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht werden und das egal, welches Niveau sie […] in ihren jeweiligen Sprachen [haben].
Laure Mortelier: Was meinst du damit genau?
Miriam Pieber: Damit meine ich zum Beispiel die souveräne Kommunikation mit Familienangehörigen, zum Beispiel mit den Großeltern, die möglicherweise nicht im selben Land leben oder die auch im selben Land leben, aber in einer anderen Sprache, die nicht die Umgebungssprache ist, [sprechen]. Und das den Kindern die Möglichkeit geboten wird, auch mit diesen Familienangehörigen zu kommunizieren. Oder auch eine Einkaufssituation, die zu bewältigen ist, und wo man eine andere Sprache braucht. Oder auch das Lesen von fremdsprachigen Büchern oder auch dem Folgen einer Serie. Also, es gibt sehr […] viele verschiedene Situationen, die aber nicht immer eine – ich sage jetzt mal – „native-like“ Kompetenz erfordern. Das meine ich. Das heißt, dass in verschiedenen Fertigkeiten nicht das gleiche Niveau vorliegen muss, um der Lebenssituation gerecht zu werden.
Laure Mortelier: Du meinst also, dass die Ansprüche sehr hoch sind?
Miriam Pieber: Inwiefern?
Laure Mortelier: Ich meine, für diese Personen, die mehrsprachig sind, erwartet man eigentlich perfektes Niveau in allen Sprachen? Ist es das, was du meinst? Und man sollte Rücksicht nehmen, dass es nicht der Fall ist?
Miriam Pieber: Genau das ist eben dieser Mythos, der vorherrscht, dass Personen die Summe mehrerer Sprachen darstellen. Aber das ist ja nicht so. Es geht ja eigentlich um die Situation, in der verschiedene Sprachen verwendet werden. Und dazu braucht es nicht immer eine perfekte Aussprache oder eine gewisse Fachsprache. Und das ist natürlich zu berücksichtigen.
Laure Mortelier: Vielen Dank für diese Informationen. Ich komme sicher darauf zurück. Ich sage bis bald. Danke fürs Zuhören. Und sage ich noch einmal Tschüss.
Miriam Pieber: Tschüss.
Zitierte Quellen:

Müller, Natascha; Tanja Kupisch; Katrin Schmitz und Katja Castone (Hrsg.)(2011): Einführung in die Mehrsprachigkeitsforschung. Dritte Auflage. Tübingen: Narr (= Reihe Narr Studienbücher).

Riehl, Claudia (2014): Sprachkontaktforschung. Eine Einführung. Dritte Auflage. Tübingen: Narr (= Reihe Narr Studienbücher).

Mehrsprachigkeit Nr. 1 -Transkript
Was ist Mehrsprachigkeit?

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen und Leben – heute zum Thema Mehrsprachigkeit. Ich begrüße einen besonderen Gast bei mir: Miriam Pieber. Du hast deine Diplomarbeit zu diesem Thema geschrieben.
Miriam Pieber: Genau zuerst einmal danke für die Einladung. Ich habe Französisch und Spanisch auf Lehramt studiert und meine Diplomarbeit über die bilinguale Lese- und Schreibsozialisation französischer Herkunftssprecher und -sprecherinnen geschrieben.
Laure Mortelier: Viele Eltern stellen sich Fragen zu diesem Thema. Aus diesem Grund habe ich einen Fragenkatalog vorbereitet und die Idee ist, dass wir gemeinsam einzelne Fragen im Laufe der nächsten Podcasts beantworten. Und ich bedanke mich, dass du dich für diese Aufgabe bereitgestellt hast. Meine erste Frage: Wann spricht man von Mehrsprachigkeit?
Miriam Pieber: Also, Gippert liefert dazu eine sehr schöne Definition: Er spricht von einem Zustand einzelner Personen oder einer sozialen Gemeinschaft, die sich bei der täglichen Kommunikation zweier oder mehrerer unterschiedlichen Sprachen bedienen. Spricht eine Person zwei Sprachen täglich, spricht man von Bilingualismus. Spricht sie hingegen mehrere Sprachen täglich, spricht man eher vom Multilinguismus. Es ist in den letzten Jahrzehnten so gewesen, dass man davon ausgegangen ist, dass Menschen monolingual, das heißt einsprachig, aufwachsen. Grosjean hat das heftig kritisiert, da wenn man sich in der Welt ein bisschen umschaut und sich die Spracherwerbssituationen ansieht, bemerkt man, dass sehr viele Personen mehrsprachig aufwachsen und das es sich daher nicht um eine Ausnahme, sondern eher um die Regel handelt. Er kritisiert auch, dass man einen monolingualen Blick auf Mehrsprachige wirft, das heißt zum Beispiel, dass man sie als die Summe zweier Sprachen sieht. Das ist tatsächlich aber nicht so, da in der wenigsten Fällen eine ausbalancierte Kompetenz zwischen zwei Sprachen vorherrscht. Das entspricht einfach nicht der Realität, da sich die Sprachverwendung und die Sprachflüssigkeit je nach Kontext, je nach Bedarf und je nach Funktion unterscheiden.
Laure Mortelier: Vielen Dank für diese Informationen. Danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
Miriam Pieber: Tschüss.
Zitierte Quellen:

  • Gippert, Jost (2016): Bilingualismus. In: Glück, Helmut und Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon. Sprache. Fünfte Auflage. Stuttgart: Metzler. S. 104-105.

  • Grosjean, François (2008): Studying bilinguals. Oxford: Oxford University Press.

  • Grosjean, François (2010): Bilingual – Life and Reality. Cambridge: Harvard University Press.

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